Wutausbruch, Hand gebrochen, Lohnfortzahlung?

Kann ein Arbeitnehmer Entgeltfortzahlung verlangen, wenn er selbst mutwillig die Arbeitsunfähigkeit herbeigeführt hat? In einer im November erschienenen Pressemeldung berichtet das Hessische Landesarbeitsgericht über ein diese Frage betreffendes Urteil aus dem Juli diesen Jahres:

Der klagende Arbeitnehmer brach sich die Hand, als er aus Wut über eine Rüge des Sicherheitsbeauftragten des Arbeitgebers mehrfach gegen ein Schild aus Hohlkammerschaumstoff schlug, das auf einer Holzstrebe montiert war. Daraufhin wurde der Kläger ca. 6 Wochen krankgeschrieben. Die Meinungsverschiedenheit mit dem Sicherheitsbeauftragten betraf eine Modifikation, die der Arbeitnehmer an dem von ihm benutzten Gabelstapler angebracht hatte. Der Arbeitgeber verweigerte die Lohnfortzahlung.

Das LAG Hessen bestätigte das erstinstanzliche Urteil des Amtsgerichts Offenbach, das dem Arbeitnehmer die Lohnzahlung zugesprochen hatte. Die Pressemeldung führt aus:

„Der Verschuldensbegriff im Entgeltfortzahlungsrecht entspreche nicht dem allgemeinen zivilrechtlichen Verschuldensbegriff, der auch mittlere und leichte Fahrlässigkeit umfasst. Er erfordere vielmehr einen groben Verstoß gegen das eigene Interesse eines verständigen Menschen. Dieses setze ein besonders leichtfertiges, grob fahrlässiges oder vorsätzliches Verhalten gegen sich selbst voraus.“

Ein solches Verhalten erkannte das Gericht im Verhalten des Arbeitnehmers nicht. Es ging von einer mittleren Fahrlässigkeit aus. Zwar habe der Arbeitnehmer damit rechnen können, dass er sich verletzen könnte. Er habe sich aber in einem heftigen Wut- und Erregungszustand befunden, so dass sein Verhalten menschlich nachvollziehbar sei. Niemand sei in der Lage, sich jederzeit vollständig im Griff zu haben.

Das Urteil darf, wie immer, nicht als Freibrief für einen gelegentlichen Ausraster am Arbeitsplatz verstanden werden. Neben der hier entschiedenen Frage hat der Sachverhalt rechtlich ja auch noch mehr zu bieten: Hat der Arbeitnehmer den Schaden an dem Schild zu ersetzen? Mit Sicherheit. Ist das Verhalten einer Abmahnung oder Kündigung würdig? Für eine Abmahnung reicht es sicher.

Link: Landesarbeitsgericht Hessen, Urteil v. 23.07.2013 – 4 Sa 617/13, Pressemitteilung v. 18.11.2013

Dieser Beitrag erschien vor Kanzleigründung in meinem früheren Blog.